Das Doppel-Jubiläum: 550 Jahre Francisco de Peñalosa (2020) und 25 Jahre Peñalosa-Ensemble (2021).

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2020 & 2021: Zeit zum Feiern

 

 

Im laufenden und im kommenden Jahr feiern wir gleich zwei Jubiläen: Den Geburtstag unseres Namensgebers und den unseres Ensembles:

 

 


 

550 Jahre Francisco de Peñalosa

Ganz im Gegensatz zu dem Nischendasein, das der um 1470 in Talavera de la Reina geborene und im Jahre 1528 gestorbene Francisco de Peñalosa in unseren Tagen fristet, genoss der Sänger und Komponist zu Lebzeiten größte Hochachtung: Als Sänger an der Spanischen Hofkapelle und in der Päpstlichen Kapelle war das musikalische Ausnahmetalent hoch geehrt. Und seine Kompositionen wirkten sich nachhaltig auf Stil und Technik wohl jedes spanischen Komponisten nach Francisco de Peñalosa bis weit in den Barock hinein aus.

So schrieb Josquin des Prez nach Franciscos Tod: „Vor kurzer Zeit verstarb der gefeierte Meister Francisco de Peñalosa, Direktor für Musik für Seine Katholische Majestät Ferdinand I., gefeiert wegen seiner herausragenden Kunst als Komponist ebenso wie wegen seiner hohen Kunst als Sänger, in welcher er selbst Apollo, der uns die Musik brachte, übertraf.“ Kaum minder lobend äußerte sich auch Cristobal de Villalon in seiner im Jahr 1539 erschienenen Schrift «Ingeniosa comparacidn entre lo antiguo y lo presente», in welcher er Francisco als herausragendes Beispiel für einen der wenigen (zu Villalons Zeit) „modernen“ Komponisten aufführte, der und dessen Werke dem Vergleich mit den großen historischen Vorbildern seiner Zeit als ebenso herausragender Meister standhalte.

Und auch Experten unserer Tage für Epoche und Stil der spanischen Renaissance wie etwa Robert Stevenson zollen dem überaus hochbegabten Spanier große Anerkennung: In seiner Arbeit „Spanische Musik im Zeitalter von Columbus“ schreibt Stevenson: „Peñalosas Musik ist die höchst-virtuoseste vor Cristóbal de Morales.“. [Anmerkung: Gemeint ist nicht ‚Virtuosität‘ im Sinne von technisch herausfordernd schnell zu singenden / zu spielenden Tonfolgen oder -Sprüngen, sondern die hohe kompositorische Komplexität und Dichte der Werke, die sich hinter der Eleganz der grandios einfallsreichen und zugleich wunderbar sanglichen Melodien der scheinbar in völliger Leichtigkeit miteinander kommunizierenden Stimmen verbirgt.]

Doch woher rührt diese besondere Anerkennung? Neueren Forschungen zufolge genoss der junge Francisco das Privileg, zumindest Teile seiner Ausbildung als Kleriker, Sänger und Komponist im direkten Wirkungsfeld von Papst Leo X. absolvieren zu können. Italiens führende, miteinander wetteifernde Städte bildeten in jenen Tagen nicht nur theologisch sondern auch musikalisch einen weltweit einzigartigen und in Musiktheorie wie im Kompositions- Schaffen hoch produktiven 'think tank'. In diesem Umfeld kam Francisco schon früh mit dem lebendigen, von stetem Wandel bereicherten italienischen Stil und der herausragenden Technik der großen Meister in Kontakt, die in großer Zahl nach Rom reisten und dort als Musikdirektoren und Lehrer für Gesang und Komposition wirkten. Und ebenso mit deren Werken, die aus ganz Europa nach Rom gebracht worden waren und in der dortigen Musikwelt ihren festen Platz gefunden hatten, sowohl als zu singende Musikwerke wie auch als zu analysierende Lehrwerke.

Zurück in Spanien und wohl nach Abschluss seiner Ausbildung, wurde Francisco de Peñalosa im Jahr 1498 als Sänger an die Spanische Hofkapelle berufen, und schon 1505 sprach König Philipp I. von Spanien Francisco als Zeichen seiner großen Wertschätzung ein Kanonikat zu – und sicherte ihm so ein gehobenes Haus und eine sichere und gut bezahlte Anstellung. Ab 1511 war Francisco zudem als Musiklehrer des jungen Thronerben Ferdinand I. tätig – ein weiterer Beleg dafür, wie viel Francisco dem König bedeutete. Seinen Dienst als Sänger in der Spanischen Königlichen Kapelle versah Francisco de Peñalosa bis zum Tode Philipps I. im Jahre 1516.

Man mag sich fragen, ob Franciscos phänomenaler Ruf als Sänger noch aus seiner früheren Zeit in Rom nachwirkte oder ob die hoch lobenden Worte über den Sänger aus Spanien nach Rom drangen – jedenfalls reiste Francisco im Frühsommer 1517 auf Wunsch Leos X. wieder nach Rom und trat als Sänger in die Päpstliche Kapelle ein. Das war nicht nur ein professionelles Vokal-Ensemble, wie es sie an vielen der großen Kirchen gab. Es war jene Einrichtung, die der musikbegeisterte Papst Leo X. für sich als einen Ort vollkommener Klangkunst geschaffen hatte und in die er die berühmtesten Musiker seiner Zeit – Sänger, Instrumentalisten und Komponisten – berief. In dieser Ausnahmeposition verblieb Francisco de Peñalosa zumindest bis zum Tode des Papstes Leo X. im Jahre 1521; vermutlich weilte er sogar noch bis 1523 in Italien.

Kaum zwei Jahre später, wieder zurückberufen nach Sevilla – der dortige Klerus hatte mehrfach auf die Einhaltung seiner Ordnungen gepocht, und wäre Francisco nicht direkt vom Papst nach Rom bestellt gewesen, so hätte er seine Stellung an der spanischen Hofkapelle, das Kanonikat und das mit diesem verbundene Haus mit Sicherheit verloren – wurde Francisco im Jahre 1525, nun unter der Regentschaft König Ferdinands I., das Amt des Schatzmeisters der Spanischen Hofkapelle verliehen. In dieser Zeit zog sich der berühmte Sohn Spaniens mehr und mehr aus dem aktiven Musikerleben zurück. Drei Jahre später, am 1. April 1528, starb Francisco de Peñalosa; er wurde in der Kathedrale zu Sevilla in großen Ehren beigesetzt.

Francisco musikalisches Schaffen umfasst, soweit man heute weiß, etliche Mess- und Magnificat-Vertonungen, einige unvollständig (oder zumindest unvollständig erhaltene) Mess-Vertonungen, eine recht große Schar Motetten zur Passions-Thematik, häufig zu selten oder gar nur durch ihn vertonten Texten, einige marianische Antiphonen und weitere geistliche Werke sowie einige wenige weltliche Stücke. Darüber hinaus sind in verschiedenen Quellen weitere Werke erwähnt, jedoch bis heute nicht wiedergefunden. Wann und wo all dieser Werke entstanden, ist bislang nicht gesichert, ebenso, wann oder wo sie zur Aufführung kamen. Da viele von Franciscos Werken einen deutlichen Einfluss des italienischen Stils jener Zeit aufweisen, der zu diesem Zeitpunkt in Sevilla noch nicht allgemein verbreitet war, liegt jedoch nahe, dass er etliche seiner Kompositionen während der Jahre in Rom komponiert und vermutlich auch dort aufgeführt hat.

Dass und wie ungemein hoch Francisco de Peñalosa auch als Komponist angesehen war, dokumentiert neben den Schriften, die schon kurz nach seinem Tode über ihn verfasst worden waren, eine rund 30 Jahre nach seinem Tode entstandene Kompilation (das Manuskript von Tarazona, MS 2, MS 3 und MS 4); in der Quelle wird er nicht nur namentlich aufgeführt und als höchst ehrenwerter Komponist tituliert, sondern es wurden entgegen der Usanz, von sehr berühmten Komponisten einzelne der ihnen zugeschriebenen Werke – und dies meist ohne Nennung der Namen der Komponisten – aufzuführen, nahezu sämtliche von Franciscos Werke in dem wunderbar ausgeschmückten und sehr gut erhaltenen Buch niedergeschrieben.

Die hohe Qualität der Kompositionen Franciscos de Peñalosa, die ebenso einfühlsame wie elegante Verbindung der italienischen Leichtigkeit und Durchsichtigkeit auch in polyphonen Passagen oder Werken mit der spanischen warmen Klanglichkeit und Schwere und die für jene Zeit seltene Intensität, mit der Francisco Text und Wortbedeutung in musikalische Formen einzubetten verstand, haben das Peñalosa-Ensemble schon in den Tagen seiner Gründung dazu ermuntert, diesen heute weitgehend unbekannten Schatz an Musik zu heben und ihn immer wieder lebendig erklingen zu lassen.

Sebastian Mory, im August 2020.

 

 

25 Jahre Peñalosa-Ensemble

Alles fing im Sommer 1996 damit an, dass Pierre Funck, Studierender im Fachbereich „Alte Musik Gesang“ an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen in der Klasse von Prof. Richard Wistreich und weit über den Bereich Musik hinaus ein Multitalent, ein Vokal-Ensemble zusammenstellen wollte, um mit diesem an der „Hilliard Summer School“, dem jährlich in England vom Hilliard-Ensemble durchgeführten Weiterbildungskurs für Vokal-Ensembles, teilnehmen zu können. Dorthin war er in den Jahren zuvor schon als Einzelteilnehmer gereist – nie wissend, ob man etwa gleich gute und an ähnlicher Musik interessierte andere Einzeln Angereiste mit geeigneter Stimmverteilung für ein Ad-hoc-Ensemble vorfindet oder in einem bestehenden Ensemble für einen Erkrankten oder als zusätzliche Stimme einspringen kann.

In Susan Eitrich fand der Bassist Funck eine mehr als ‚geeignete‘ Sopranistin: Mit der ebenfalls in Prof. Wistreichs Klasse für Alte Musik Gesang studierenden, schon im Konzertleben aktiven und genauso an Ensemble-Musik interessierten Sängerin war damit schon ein professioneller musikalischer Rahmen gegeben. Mit Andreas Puttkammer, in Trossingen im Fachbereich Schulmusik studierend, kam ein Tenor dazu, dessen stimmliche wie menschliche Qualitäten sich für ein Alte-Musik-Ensemble bestens eigneten. Sebastian Mory war damals zwar noch nicht in Trossingen eingeschrieben, nahm aber bereits regelmäßig an den Blockkursen für Alte Musik teil; er vervollständigte das noch namenlose Trossinger Ensemble als Altus (und studierte später ebenfalls in Prof. Wistreichs Gesangsklasse).

Pierre Funck brachte zu den ersten Proben stapelweise Noten mit, einerseits, um ein paar Stücke zu finden, die sich für diese Vierer-Besetzung und damit für den geplanten Kurs in England gut eigneten, andererseits auch aus purer Lust am Singen. Viele der Stücke waren anonym überliefert, manche stammten von bekannten Komponisten, ein paar der Werke auch aus der Feder eines uns allen – Pierre Funck inklusive – unbekannten spanischen Komponisten namens „Francisco de Peñalosa“.

Was für eine Entdeckung! Die Musik dieses Spaniers gefiel uns nicht nur auf Anhieb, sondern sie passte wunderbar zu unserer Besetzung und zu unseren Stimmen. So kam die Idee auf, unser Ensemble, das eigentlich nur für die Teilnahme an einem Sommerkurs gedacht war, nach eben diesem Komponisten zu benennen, denn laut Anmeldeunterlagen sollte jedes teilnehmende Ensemble einen Namen tragen.

Der erste Tag des Kurses, an dem die teilnehmenden Ensembles sich vorstellten, ist uns noch gut in Erinnerung: Fast jedes der anderen Ensembles existierte bereits seit etlichen, eines seit über zwanzig Jahren. Die meisten Ensembles sangen in stabiler Besetzung und trafen sich regelmäßig zu Proben; nicht wenige waren aktiv im Konzertleben oder hatten gar schon Musik auf Tonträgern eingesungen. Und wir? Ein paar Proben hatten wir miteinander gehabt, keine Konzerte, keine CD. Aber wir konnten von den vielen Ensemble-Stunden in den Klassen für Alte Musik und von den Blockkursen in Trossingen profitieren. Susan brachte ihre reichhaltige stimmliche Erfahrung, ihre ausgezeichnete Gesangstechnik mit ein, die sie in mehreren Meisterkursen vervollkommnet hatte; Pierre beeindruckte uns immer wieder mit seinem immensen Wissen über die Gestaltung von Renaissance-Musik, über Fragen der Dissonanzbehandlung, über seine fundierten Kenntnisse zu Intonation, Stimmung und Musica Ficta. Und mit diesem Koffer an Vorwissen und -Erfahrung stießen wir in der „Hilliard Summer School“ bei vielen der kleineren oder größeren Auftritte vor anderen Ensembles wie vor Publikum auf sehr wohlwollendes und anerkennendes Echo seitens der Dozenten, der anderen Ensembles und auch der Zuhörerschaft. Aus England zurückgekehrt, dachten wir nicht daran, es bei dieser einen Aktivität zu belassen, hatten wir doch so viel Musik kennengelernt, so viele Anregungen und vor allem so wertvolle Rückmeldungen erhalten! Und – und das war sicher die Haupt-Motivation: Wir hatten enorm viel Spaß gehabt, wunderschöne Musik genossen und selbst an ihr teilgehabt. In einfachen Worten: Wir wollten mehr davon, wollten als Ensemble weitermachen.

Und heute? Das Peñalosa-Ensemble ist fünfundzwanzig Jahre jung und aktiv; wir haben einige Umbesetzungen erlebt, diese immer als Chance genutzt und dabei stets eine gute Balance zwischen Veränderung und dem Beibehalt des Erreichten gefunden, wir wurden in Wettbewerben mit Auszeichnungen bedacht, wir haben Hunderte von Konzerten gegeben, wir sind in vielen, vielen Gottesdiensten und etlichen Ausstellungen aufgetreten, wir haben ein eigenes Musikfestival auf die Beine gestellt und über viele Jahre hinweg unseren eigenen Sommerkurs für Vokal-Ensemble durchgeführt – und dabei neue Ensembles begleitet, bis hin zu Auszeichnungen bei „Jugend musiziert“. Und wir können in all den Jahren auf ein klangvolles Presse-Echo zurückschauen. Mit der im Februar 2019 erschienenen CD „Das Liederbuch des Erhart Oeglin, 1512“ dokumentieren bereits acht CDs unser Schaffen; die neunte CD mit Werken von Francisco de Peñalosa und Tomás Luis de Victoria ist in Post-Produktion und wir freuen uns, sie der Öffentlichkeit im Frühjahr 2021 zu präsentieren!

 

 

 Über unser Ensemble